Am zweiten und dritten März fand im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie in Berlin der Mittelstand Digital-Kongress 2016 statt. Eingeladen hatten das BMWi und der Projektträger im DLR. Im Fokus stand in diesem Jahr die neue Förderinitiative Mittelstand 4.0. So gesehen war die Veranstaltung nicht direkt „wie für uns gemacht“ (Wir gehören zum eStandards-Programm), aber deswegen nicht weniger interessant. Vier MitarbeiterInnen unseres Verbundprojekts waren vor Ort und haben ganz unterschiedliche Anregungen und Ideen von dort mitgenommen. Im Folgenden werde ich versuchen, diese kurz zusammenzufassen.

Mittelstand 4.0

Mit der Benennung der neuesten Förderinitiative als „Mittelstand 4.0“ begab man sich zumindest begrifflich in unruhiges Fahrwasser. Die Interpretationen dessen, was sich hinter „4.0“ verbirgt, gehen nicht nur im Mittelstand weit auseinander. Mit dem Vortrag von Prof. Rolf Pohl von der Hochschule Kaiserslautern, der gleichzeitig interessant und notwendig war, konnte diese Gefahr gebannt werden: Er nahm eine strukturierte und systematische Annäherung an eben dieses „4.0“, und was es für die verschiedenen Wirtschaftsbereiche (auch außerhalb des Mittelstands) bedeutet, vor. Er gelangte schließlich zu der Schlussfolgerung, dass damit nicht nur die Einführung neuer Technologien, sondern eine umfassende Transformation von Arbeitsprozessen, -organisation und Geschäftsmodellen gemeint ist. Ich war insofern dankbar für diese Aufklärung, da es aus der Perspektive einer Person, die sich mit Usability beschäftigt, hier eine Analogie zu geben scheint: Nur, weil etwas per Touchscreen bedienbar ist, ist es nicht gleich besser zu bedienen. Ebenso wenig wird eine Fabrik „smart“, wenn man den Mitarbeitern lediglich Tablets „in die Hand drückt“. Um ebendiese ernsthafte Auseinandersetzung mit den Herausforderungen für den Mittelstand der Zukunft ist allen Beteiligten augenscheinlich gelegen.

Die Veranstaltung war gleichzeitig Auftakt für den Beginn der neuen Förderinitiative Mittelstand 4.0 und markierte somit auch eine „Wachablösung“. Während die Projekte der eBusiness-Lotsen ausgelaufen sind, starten nun die Mittelstand 4.0 Kompetenzzentren und Agenturen. Diese übernehmen ähnliche Wissenstransferaufgaben wie die Lotsen zuvor, allerdings mit etwas anders gelagerten Schwerpunkten. Im Nachgang der Vorstellung der neuen Projekte wurde ein – aus Sicht unserer KnowledgeBase – interessanter Punkt angesprochen. Wie können das Wissen und die Erfahrungen, die in den vorherigen Projekten gemacht worden sind, den neuen Agenturen und Kompetenzzentren nützen? Wie bleibt das bestehende Beratungsangebot im Sinne der Nachhaltigkeit präsent und weiterhin nutzbar? Auf dem Podium einigte man sich auf eine Diskussion von möglichen Maßnahmen. Aus unserer Sicht ein wichtiger Schritt, denn Wissen zu heben, zu pflegen und zugänglich zu machen, wird eine der zentralen Fragestellungen der KnowledgeBase sein, weshalb mein Kollege Dr. Groschwitz hier aufmerksamst beobachtete.

In einer der Projektvorstellungsrunden hatten wir im Anschluss an den Vortrag über SDBTransfer ein kurzes, aber recht aufschlussreiches Gespräch mit den Vortragenden Norbert Kluger (BG BAU) und Dr. Helmut Möbus (DAW). Bei SDBTransfer entstand eine standardisierte Möglichkeit, Sicherheitsdatenblätter für Chemikalien elektronisch zu verwalten und auszutauschen, um so den manuellen und, nach Aussage der beiden Vortragenden, recht hohen Aufwand zu reduzieren. Für derartige Sicherheitsdatenblätter gibt es einen von der EU vorgegebenen XML-basierten Standard, für den eine integrationsfähige Implementierung geschaffen worden ist. Grundlegende Herausforderungen, die auch das eKulturPortal betreffen, schienen und scheinen hier also auf:

Selbst wenn ein Datenstandard, wie der des Sicherheitsdatenblatts, geschaffen ist (was bei uns z. B. im Bereich der technischen Bühnenanweisungen in der Form noch nicht existiert), muss dieser etabliert und dann so umgesetzt werden, dass er von den Anwendern niedrigschwellig eingesetzt werden kann. Die Schaffung einer entsprechenden elektronischen Schnittstelle ist einerseits eine technische Herausforderung, bei der unterschiedliche Lösungswege möglich sind, und andererseits eine wettbewerbliche: Die Hersteller proprietärer Software müssen von einer Schnittstellenlösung überzeugt werden – oder diese aufgrund ihrer Attraktivität von sich aus annehmen.

Soll das eKulturPortal also eine attraktive Schnittstelle für die Kulturwirtschaft werden, muss deren Implementierung aus ökonomischer Sicht für alle Seiten gewinnbringend sein und Vertrauen aufgebaut werden. Ein Ansatz kann sein, zukünftige Schnittstellennutzer so früh wie möglich ins Boot zu holen – eine Idee, die dem Usability Engineer nicht allzu fremd sein sollte. Das gleiche gilt in unserem Fall schon bei der Definition des Austauschformats, welches anders als bei SDBTransfer noch nicht auf europäischer Ebene standardisiert vorliegt. Dass daneben die Leistungsfähigkeit, Zuverlässigkeit und Wartbarkeit der Schnittstelle erheblich sind, ist die angesprochene technische Herausforderung.

Zuletzt beschäftigte mich im Nachgang noch der Gedanke, dass Usability oder nutzerzentriertes Design noch immer nicht zum Industriekanon zu gehören scheinen. Wer im Bereich Usability arbeitet, weiß was es heißt, Überzeugungsarbeit leisten zu müssen. Mir scheint gar, auch wenn dies eine persönliche Beobachtung ist, dass ein nicht unerheblicher Teil der zugehörigen Literatur sich mit der Frage beschäftigt, wie sich die Idee gut verkaufen (im wörtlichen und übertragenen Sinne) lässt. In diesem Zusammenhang fallen mir etwa Überlegungen zur Bestimmung des Return on Investment (RoI) für Usability Engineering ein. Es könnte sich hier um einen klassischen Fall von „Betriebsblindheit“ meinerseits handeln: Selbst, wenn die Mantra-artige Überzeugungsarbeit vom Usability-Gedanken schon beinahe zum Selbstverständnis der Disziplin geworden ist, kann und muss es in einer komplexen Wirtschaftslandschaft, wie sie in Deutschland existiert, lange dauern bis er sich durchsetzt. Bei all dem Feuereifer, mit dem ich selbst die Methodik auch schon angepriesen habe, bin ich dennoch froh, immer wieder auf die berühmte gesunde Portion Skeptizismus zu treffen.

Insgesamt ein straffes, interessantes Programm bei dem (insbesondere) die „Ausprobierrunde“ am Abend als eine gute Idee in Erinnerung bleiben wird, um Ideen ganz praktisch und als lockeren Abschluss zu präsentieren.

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